City Skins – Marx und Engels, Berlin

City Skins - Marx und Engels, ein Video von Frederic Leitzke / Editude Pictures.

City Skins – Marx und Engels

Berlin, Mai 2017

Denkmäler sind Projektionsfläche einer kollektiven Erinnerung und Zeugen ihrer Zeit. Diese intensive Aufladung von öffentlichen Kulturgütern mit diversen Bedeutungen haben sich Various & Gould zum Thema gemacht und den Umgang mit Denkmälern in der heutigen Zeit hinterfragt.

In einer urbanen Intervention hat das Künstlerduo eine Papiermaché-Abformung des von Ludwig Engelhardt zu DDR-Zeiten gestalteten Marx-Engels-Denkmals (1986) in der Nähe des Roten Rathauses vorgenommen. Die daraus entstehende Papier-Skulptur trägt den Namen „City Skins“. Das Denkmal fungiert als Überbleibsel einer anderen Epoche, das nach dem politischen Umbruch zwar immer noch sichtbar, gar ein beliebter Touristenmagnet ist, dessen Zukunft im Zuge der Umbauarbeiten jedoch einen ungewissen Ausgang hat.

Mittels der farbig und mit Siebdruck gefertigten Papier-Hülle wurde den Figuren temporär ein neues Erscheinungsbild verliehen, diese als Kommunikationsfläche im öffentlichen Raum genutzt und auf anregende Weise in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt.

In einem nächsten Schritt wurden die abgelösten Papierelemente wieder zusammengesetzt, so dass eine hohle Skulptur entstand. Diese Abformung wurde im Anschluss buchstäblich von der „Mitte in die Pampa“ transportiert und nach einer feierlichen Einweihung am 20. Mai bis zum 28. Mai 2017 auf dem „Place Internationale“ am Cottbusser Platz in Berlin-Hellersdorf präsentiert.

„Das Künstlerduo hat für die Arbeit City Skins […] ein ganz anderes Material gewählt. Ein viel Vergänglicheres als Bronze es ist, ein flexibleres auch und vor allem eines das Marx und Engels ebenfalls gewählt hatten, um ihre Ideen in die Welt zu tragen: Papier.“Jan Kage aka Yaneq, Schau Fenster, Eröffnungsrede, 2017


Urbane Intervention; Denkmal – und ihr Potenzial einer Neukontextualisierung von Herrschaftsansprüchen im öffentlichen Raum

– Werktext von Annika Hirsekorn anläßlich der Einweihung von „City Skins – Marx und Engels“ (2017)

1981. Mit der Entscheidung der DDR Kunstkommission, das Marx und Engels Denkmal nicht, wie ursprünglich geplant, repräsentativ auf dem Marx-Engels Platz vor dem Palast der Republik aufzustellen, sondern lediglich in einer Grünanlage dahinter, nimmt die Geschichte eines Denkmals und die Politisierung um dessen Standort seinen Lauf.

Denkmäler treten vor allem dann in die öffentliche Wahrnehmung, wenn sie gestürzt, versetzt oder augenfällig verändert werden. Im letzten Fall berichtet die öffentliche Rede zumeist von Schmierereien, von Vandalismus oder Denkmalschändung. Dabei wird ein Zusammenhang zwischen Graffiti als Protest- und Kommunikationsmedium und Denkmälern als bewusst gewählte Plattform der Meinungsbildung, sowie inhaltlichem Anlass entsprechender Äußerungen oft nicht hergestellt. Eine bewusste Neuinszenierung durch Denkmäler vermittelter Narrative wird den als bloße Schmierereien reduzierten Graffitis aberkannt. Gleiches gilt für Interventionen im Kontext von Memorialarchitektur, die dem Spektrum der Urban Art zugerechnet werden können. Ihr Potenzial, alternative Geschichtsbetrachtungen zu generieren, erfährt im Vergleich zur gesteigerten Aufmerksamkeit für Mural- und Streetart und ihrer Bedeutung für den öffentlichen Raum verhältnismäßig wenig Beachtung.
Das Marx-Engels Forum, das neben dem bronzenen Figurenensemble der zwei Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus um zwei Reliefwände sowie Fotostelen, welche die Geschichte der Arbeiterbewegung darstellen, ergänzt wird, hat sich vor allem durch seine Umsetzung in das kollektive Gedächtnis der Stadt eingeschrieben. 2010 musste die Denkmalanlage auf Grund von Bauarbeiten der BVG an die nordwestliche Ecke des Forums weichen. Der zukünftige  Standort – ein Politikum.

Hier setzt die Intervention City Skins von Various & Gould an. Die Abformung der Marx und Engels Figuren, ihre anschließende Umgestaltung zu der plastischen Papiercollage City Skins und ihre heutige Enthüllung an einem Standort, weit abgerückt vom Stadtzentrum, wirft Fragen zur Demokratie unseres (Stadt)Raums, dessen Besetzung durch erinnerungspolitische Diskurse und deren Deutungshoheit auf.

War den Propagandaberatern der DDR das Marx und Engels Denkmal nicht genehm, da nicht heldenhaft genug (in der Konsequenz wurde die Denkmalanlage hinter den Palast der Republik verbannt), bewerten viele es heute, als der falschen Ideologie entstammend, anachronistisch, dem Selbstbild der Stadt nicht entsprechend. Somit kam die Umverlegung 2010 und die damit losgetretene Debatte um einen neuen (oder keinen?) Standort nicht ungelegen. City Skins thematisiert die Denkmalanlage ebenso: Als ein Forum umkämpfter politischer Ideen. Im Moment der Abformung und Neukontextualisierung entblößt sich eine weitere Zeitschicht und das Denkmal wird in seiner Eigenschaft als Projektionsfläche um eine neue Dimension der Interpretation erweitert – eine Dimension, die kollektiv und auf Augenhöhe verhandelt werden kann.

Stadtlandschaften sind immer auch Erinnerungslandschaften. Urban Art, deren ursprünglich wichtigste Merkmale ihre Subversivität und kritische Auseinandersetzung mit dem Recht auf öffentlichen Raum sind, hat hier ihr Wirkungsfeld. City Skins reiht sich in ein Repertoire urbaner Kunst ein, das über ästhetische Dialoge sowie das Aufbrechen einer von Beton bestimmten Stadttopographie hinaus, emanzipatorische Impulse der Besetzung öffentlichen Raumes und dessen Herrschaftssymbole anzubieten vermag.

Es kursiert eine Geschichte über die sprechenden Skulpturen von Rom. Laut dieser Erzählung, die sich im frühen 15. Jahrhundert erstmals zugetragen haben soll, begannen römische Bürger Zettel mit Spott und Schmähversen an Skulpturen von Göttern und Machthabern anzuheften, um somit ihre Meinung kritisch kundzutun.  Eine vergleichbare Perspektive auf Monumente bieten Various und Gould mit City Skins an: Eine künstlerische Intervention, die ihr Eingreifen eher pluralistisch als dekonstruierend entfaltet und den Weg vorschlägt zu einem Denkmal, das wir uns vielleicht gewünscht hätten.


Informationen

„City Skins – Marx und Engels“ ist ein Projekt im Rahmen des Wettbewerbs „Kunst im Untergrund – Mitte in der Pampa“ der neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK).


Dokumentation: Boris Niehaus, Editude Pictures.
Support: Das Arty, Zapf Umzüge und Baumschule Köpenick.

Danksagung

Various & Gould bedanken sich herzlich bei Britt Janina Heinker für die Unterstützung bei der Planung und Realisierung des Projektes!

Außerdem vielen Dank an Adam Page, Karin Kasböck, Amrita Ronniger, Sonja Rentsch, Bob, Garvin Nolte, Axel Krumrey, Annika Hirsekorn, Jan Kage, Boris Niehaus, Frederic Leitzke, Chérie, PC, Dörte, Jens, Aldo Gugolz, Elisabeth von Ketelhodt, Viviane & Kurt Ratter, Polina Soloveichik, Tore Rinkveld, Daniel Sprenger, Malte Klein-Luyten, Tanja Pabelick, Stefan Rusconi und Tavar Zawacki!

Und ein großes Dankeschön an Francois Domain, Claudia und alle anderen StudentInnen der Spring Academy des Berlin Art Instituts!

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